Wo orientieren wir uns hin?

  • Nach Osteuropa, China, Indien oder in andere Länder?
  • Was bedeutet eine Neuorientierung für unsere deutschen Standorte?
  • Was bedeutet das für unsere Geschäftsmodelle?

Europäische, US-amerikanische und südafrikanische Top-Manager und Top-Politiker treffen sich in Starnberg.

Es war faszinierend zu sehen, mit welcher Selbstverständlichkeit und in welcher Breite bei den diesjährigen Starnberger Management-Tagen über das unternehmerische Wirken in Europa, Asien, Amerika und Afrika diskutiert wurde. Dass Plenum und Redner auch dieses Jahr schnell wieder zu einer Einheit wurden, die sich durch direkte und offene Diskussionen auszeichnete, war ein Verdienst der aus allen Kontinenten angereisten Manager und Experten. Die Referenten legten dazu mit ihren engagierten und glaubwürdigen Vorträgen auf höchstem Qualitätsniveau eine exzellente Basis.

Am ersten Tag der diesjährigen Starnberger Management-Tage diskutierten der südafrikanische ANC-Sprecher Smuts Ngonyama, der frühere Fußballheroe und heute einer der erfolgreichsten schwarzen Geschäftsmänner Südafrikas Jomo Sono mit dem amerikanischen DuPont Topmanager Craig Naylor und dem Vorsitzenden der Geschäftsführung der Seidenschwarz & Comp. GmbH Werner Seidenschwarz aktuelle Themen der Globalisierung.

Werner Seidenschwarz verdeutlichte zu Beginn erfolgreiche Beispiele deutschen Unternehmertums und verglich diese mit den nicht minder beeindruckenden Erfolgsstories chinesischer Unternehmen. Innovationsstärke, Markenmanagement und Wertschöpfungsoptimierung über die Welt hinweg stehen dabei beste Kostenpositionen, überdurchschnittliches Volumenswachstum und Enthusiasmus beim Eintritt in den internationalen Wettbewerb gegenüber. „Wenn es deutschen Unternehmen, Managern und Mitarbeitern weiterhin gelingt, Freude an Veränderungen zu generieren und international ihre Stärken auszuspielen, dann lassen sich auch Antworten auf die Bedrohungen durch die sogenannten emerging countries geben.“         

Der charismatische ANC- Sprecher Smuts Ngonyama zeigte zusammen mit Jomo Sono, wie sich ein Land aus den dunklen Zeiten der Apartheid zu einem Land des Aufbruchs und der vorwärts gerichteten Stimmung wandeln kann. „Wir haben eine große Zukunft vor uns, wenn sich der Ausbildungsgrad der bisher benachteiligten Südafrikaner in einer überschaubaren Zeit angleichen lässt.“ sagte Ngonyama. Die in Starnberg ansässige Seidenschwarz & Comp. GmbH wird dabei unter Leitung des früheren Universitätsprofessors Werner Seidenschwarz den Aufbau von praxisnahen Business Schools vor Ort in Südafrika unterstützen. Bei diesem Aufbau werden Lichtgestalten wie Jomo Sono mit ihrer überragenden Vorbildfunktion eine zentrale Rolle spielen.

Craig Naylor zeigte an der Entwicklung des amerikanischen Traditionsunternehmens DuPont auf, dass US-amerikanische Unternehmen, genauso wie deutsche Unternehmen auch, mit Herausforderungen zu kämpfen haben, im internationalen Geschäft permanent ein Gespür für die neuesten lokalen Entwicklungen zu schaffen. Als Geheimnis internationalen Erfolgs betonte er vor allem die Notwendigkeit und den Mut von Unternehmen, Führungsverantwortlichkeiten für die jeweiligen Geschäftsbereiche dort auf der Welt anzusiedeln, wo die Märkte geprägt werden. „Dabei verlagern sich derzeit viele Geschäftsverantwortlichkeiten von den USA nach Asien.“

Am zweiten Tag griffen die Referenten diesen Stab auf. Heinz-Joachim Neubürger, CFO der Siemens AG, unterstrich, neben den unterschiedlichen Kundenanforderungen in den internationalen Märkten vor allem unbekanntere, aufkommende Wettbewerber in den jeweiligen Kernmärkten frühzeitig zu beobachten, um neue Einflüsse auf Märkte erkennen zu können. „Diese kulturellen Aspekte müssen vor allem die Entwickler in ihren Köpfen akzeptieren und umsetzen lernen. Der Kunde bestimmt das Geschäft. Und der Kunden ist heute über die Welt hinweg eben facettenreich.“

Rupert Stadler, der CFO von Audi veranschaulichte einprägsam am Beispiel des Premium-Automobilherstellers, wie man traditionelle Stärken wie die Technologieführerschaft erfolgreich auch in den Kernmärkten Asiens und Ost-Europas einsetzen konnte und mit einer gezielten Lokalisierungsstrategie auch zum local player avancierte. Dabei betont Audi auch den Standort Deutschland: „Wir wollen ein Bekenntnis zum Standort hier zeigen. Der Le Mans wird in Neckarsulm gebaut.“ Es gilt aber, agil im Sinne des Audi-Leitbildes „sportlich, progressiv und hochwertig“ zu handeln, denn: „Wenn es gelingt, kreativ zu sein, und wenn es gelingt, immer wieder frühzeitig Trends zu erfassen und umzusetzen, dann gibt es für die Wachstumsmöglichkeiten eigentlich keine Grenzen.“

Thomas Sattelberger, Personalvorstand vom weltweit profitabelsten Automobilzulieferer Continental, formulierte mithilfe einer Vielzahl von Beispielen ein Plädoyer zum Investieren und für den Mut, Veränderungen anzugehen: „Control your destiny or someone else will do it.“ Diese Notwendigkeit zur Agilität fordert Unternehmensführer im gleichen Atemzug aber dazu auf, sich ihrer Verantwortung permanent bewusst zu sein: „Der Markt ist kein Substitut für Verantwortung.“

Stefan Niemand, Partner und Mitglied der Geschäftsführung der Seidenschwarz & Comp. GmbH, zeigte an mehreren Beispielen zur „Produktentwicklung im globalen Dorf“ die kritischen Erfolgsfaktoren in Entwicklungsprojekten in Asien. „Es ist oftmals gar nicht ein unterschiedlicher Methodenkasten, sondern das Berücksichtigen kultureller Unterschiede in der Alltagsarbeit und entsprechend unterschiedlicher Herangehensweisen in den Projekten, die dann auch den durchschlagenden Erfolg ausmachen.“

Matthias Heisse verdeutlichte für das Spezialthema Mergers und Acquisition, dass gerade die Due Diligence heute zu einer Gefahr für Unternehmensführer und deren Verantwortlichkeit und Haftung geworden ist. Dies zeigt sich besonders bei der Verwendung und Weitergabe von Insiderinformationen.

Ein kurzes und zusammenfassendes Fazit über alle Beiträge hinweg (wobei die Anmerkung nicht unerwähnt bleiben darf, dass sich diese Aussagen je nach Unternehmen, Branchen und Regionen, wie in den Beiträgen gezeigt, nochmals deutlich differenzieren): China wird mit seinem Volumen und seiner Entwicklung eine noch bedeutendere Rolle für Unternehmen einnehmen als in der Vergangenheit, auch wenn es zunehmend herausfordernder wird. Welche Entwicklung Indien im Wettbewerb der Nationen tatsächlich einnehmen kann, wird davon abhängig sein, wie es seine heute noch vielfach vorhandenen Infrastrukturdefizite beheben kann. Ost-Europa wird sich wohl mit hohem Tempo weiterentwickeln. Deutschland bedarf einer umfassenden Revitalisierungskur, um als Land wettbewerbsfähig zu bleiben, deutsche Unternehmen dagegen sind internationaler als je zuvor geworden und haben in jüngster Zeit deshalb auch wieder deutlich an Wettbewerbsstärke zugelegt. Sie sind aber zunehmend weniger deutsche Unternehmen als vielmehr deutsche Weltunternehmen.